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Stories

Fließende Uhren

Der Lichtpegel trifft sie nicht sofort. Zunächst ist sie nichts als ein kleiner schwarzer Fleck mitten in der Schwärze. Nicht auszumachen, nur in der Unterbrechung der Reflektoren am Seitenstreifen. Als würde ihre Kleidung das Licht aus den Frontscheinwerfern meines Opels verschlucken wie ein pechschwarzer Tümpel. Black Hole Sun.
Erst als sie mich näherkommen hört, dreht sie sich zu mir um. Langsam. Als wäre sie so in Gedanken versunken, dass ihr mein Auto nicht aufgefallen ist. An einer gottverlassenen Landstraße ohne Beleuchtung. Das Licht wird von einem kleinen, fordernd zulaufenden Kinn reflektiert.
Vierzig Kilometer Fahrt ohne ein anderes Fahrzeug zu sehen. Und dann sie. Das Licht kriecht über blutrote Lippen, ein krasser Kontrast zur Hautfarbe, die in den kühlen Strahlen beinahe weiß erscheint. Bordeaux in der Eiswüste. Chirurgie.
Ich drücke die Zigarette aus.
Dreißig Meter. Das Licht umspielt die weiche, weiße Haut hoher Wangen und wird von einer großen Sonnenbrille zurückgeworfen. Sterne. Blut.
Zwanzig Kilometer zur nächsten Stadt mit Bahnhof. Sie sieht aus, als käme sie von einer Kostümparty mit dem Motto Filmstars der 60er. Doris Days Gesicht, mitten im Nichts. Blutrote Lippen im Schnee.
Das Licht bricht sich tausendfach in eng gerollten blonden Locken, die ihr aus der Kapuze kriechen.
Marilyn Monroes Gesicht. Umgeben von absoluter Dunkelheit.
Zwanzig Meter. Sie bewegt ihren Arm wie es Balletttänzerinnen tun. Eine einsame Hand, die durch die Schwärze grazil durch die Luft schwebt. Ich frage mich nicht, was eine solche Schönheit inmitten dieser Scheiße verloren hat. Ich frage mich, ob sie diesen Auftritt wohl einstudiert hat. Das hauchfeine, beinahe angedeutete Öffnen ihrer Lippen, während sie ihren Kopf wie in Zeitlupe ganz zu mir wendet. Das hollywoodreife, elegante Anheben ihres Arms. Das kaum spürbare Zucken der Augenbraue, als sie bemerkt, dass es sich um einen Opel handelt.
Das Gesicht eines Sexsymbols der 60er, in einen tiefschwarzen Mantel gehüllt. Und es blickt skeptisch.
Sie muss den winzigen Daumen ihrer Hand nicht ausstrecken.
Ich öffne ihr den Türknopf. Brigitte Bardot steckt ihren Kopf herein. „Darf man hier drin rauchen?“. Ich deute wortlos auf den Aschenbecher, überquellend von Marlborostummeln und Asche, durch die Vibration des Fahrwerks zu einem feinen Staub gemahlen. Ich frage sie, ob sie Gepäck dabei hat. Ich frage sie, wo sie hin will. Ich frage sie, was eine solche Schönheit inmitten dieser Scheiße verloren hat. Ich frage sie, ob sie Musik hören will, ob sie eine Zigarette will, ich frage sie wie sie heißt. Carmen würde passen, finde ich. Etwas Elegantes.
„Klar“ meine ich mit einem Nicken. Sie hat den Aschenbecher nicht sehen können. Die Innenbeleuchtung meines Wagens ist nicht für Sonnenbrillen gedacht.
Sie zieht sie betont auf ihre Nasenspitze und sieht mich über sie hinweg an.
Ein solcher Blick bringt Mörder vor Gericht zum Sprechen.
Sie mustert mich eindringlich. Ich halte ihrem Blick stand. Ein solcher Blick stürzt Männer in den Wahnsinn, bringt Blumen zum Verwelken. Ein solcher Blick stürzt Völker in den Krieg. Medusa war gestern. Hätte Brigitte Bardot so schauen können… Na, ihr wisst schon.
Mit einem Ruck nimmt sie die Brille vom Gesicht. Ein solcher Blick verwandelt blühende Landschaften in eine abgestorbene Wüste. „Gut“ sagt sie. Ein weißer Schenkel blitzt zwischen den Mantelhälften auf, als sie ihr Bein in den Wagen hebt. „Dann fahr los.“ sagt sie. „Wie heißt du?“ sagt sie. „Brauchst du das hier vorn“ sagt sie, während sie meinen Rucksack vom Boden auf den Rücksitz befördert. „Sicher nicht.“ sagt sie.

„Es ist seltsam, wie viele Eltern ihren Kindern heute französische Namen geben, findest du nicht? Ich meine, René, Charles, Pascal, das hat sich doch weitgehend eingebürgert in den letzten Jahren.“ Sie spricht gleichmäßig wie eine professionelle Nachrichtensprecherin. Blutrote Lippen tanzen auf uns ab. „Nicht, dass ich diese Namen nicht mag,“ – zwei Hände in der Dunkelheit vollführen eine abwehrende Geste – „wirklich nicht. Und, das klingt jetzt vielleicht etwas abstrus, aber…“, als müsste sie wirklich eine passende Formulierung suchen, stockt sie einige Sekunden den Atem, während sie betont konzentriert eine Zigarette aus der Schachtel zieht, die ich ihr seit Beginn der Fahrt hingehalten hatte, „… ich frage mich, ob das nicht vielleicht etwas mit der Erbfeindschaft zu tun hat.“ Sie blickt mich an.
Ein solcher Blick brachte Hagen dazu, Siegfried zu töten.
Anscheinend belustigt sie mein Gesichtsausdruck. Ein winziges Zucken spielt um ihre Mundwinkel, während sie aus der Schwärze ein vergoldetes Feuerzeug pult. „Ich meine das ernst. Woher sonst dieser plötzliche Faible für französische Namen seit dem zweiten Weltkrieg? Die Haute Culture ist lange vorbei, die Stars geben ihren Kindern Namen wie Lily-Rose Melody oder Lourdes.“ Sie hält nicht inne, um mir die Möglichkeit zu Einwänden zu geben. Ich hätte ohnehin nicht gewusst, was ich sagen sollte. Sie neigt den Kopf zu ihrer Schultern, bis er beinahe waagrecht aufliegt, und zündet ihre Zigarette an. Mehr blonde Locken rutschen unter der Mütze hervor. Sie sieht aus wie ein barocker Marmorengel mit vergoldeter Krone, wie sie in Rom überall herumstehen. „Aber überleg’ mal.“ sagt sie. „Wir haben die Franzosen in 70 Jahren drei Mal überfallen.“ sagt sie. „Irgendwann kommt doch dann der Punkt, an dem man glaubt, etwas wieder gut machen zu müssen.“ In ihrem Gesicht stößt ein blutroter Kreis etwas Rauch hervor. Sie sieht mich sehr ruhig an.
Ich frage sie, ob sie das ernsthaft glaubt. Ich frage sie, weshalb ihrer Meinung nach spanische Namen ebenfalls beliebt seien. Ich frage sie, ob die Franzosen ihre Kinder auch Heiner und Rudolf nennen, wegen Napoleon. Oder die Engländer ihre Kinder Gustavo und Lorenzo, wegen Falkland. Wie viele Amerikaner nennen ihre Kinder schon Hai-Bien oder Vin-Zu? Oder Ali? Keine Sau.
„Wie heißt du denn?“ frage ich den rauchenden Kreis.
Sie hält kurz inne und runzelt die Stirn.
„Irgendwie witzig, dass du das jetzt gerade fragst“ sagt sie. Ihr Blick blitzt herausfordernd auf. Ein solcher Blick macht aus einem Kneipenschläger einen Boxweltmeister. Ein Anflug von zynischem Lächeln huscht über ihr Gesicht.
„Sarah.“ Sagt sie.
Meine Maske bringt ein Lächeln zustande. Der Geist wiederholt das Wort in einer ewigen Litanei. Sarah. Sarah Sarah.

Der Scheinwerfer zieht über endlos gleiche Landschaften. Kiefern, Lerchen. Nadelbäume. In schöner Regelmäßigkeit ein Weiler oder eine kleine Ortschaft. Kinderschaukeln. Osterbrunnen. Ställe. Uralte Holzhütten. Die schemenhaften Bäume färben sich für den Bruchteil einer Sekunde in verschiedene Grüntöne und werden verschluckt. Das Auto frisst einen Abschnitt des Mittelstreifens nach dem nächsten. Eine uralte Fahrsimulation für den 386er. Die Vorgänger von Gran Tourismo für Spielautomaten. Ein gelber Punkt der sich schlangenförmig durch das Nichts windet. Impressionen tauchen auf und verschwinden wieder. Eine Erntemaschine, der größte Stolz ihres Besitzers. Das mühsam mit Hilfe der ganzen Dorfgemeinschaft errichtete Wirtshaus. Liebevoll dekorierte Wohnzimmerfenster, Strohsterne, Tannenzweige sind schon verschwunden, bevor die Augen die Information weiterleiten können. Verschluckt vom nichts. Der Lebensinhalt einiger Menschen existiert nur so lang der Scheinwerferpegel auf ihn fällt. So wie manche Menschen nur im Rampenlicht existieren. Musiker. Filmstars.
Und neben mir Sarah.
Sarah hat die Kapuze vom Kopf gezogen und sich in den miefenden Wollbezug des Beifahrersitzes geräkelt. Ihr Kopf, gesäumt von kurzgeschnittenen, blonden Locken, liegt zwischen Seitentür und Sitz. Es ist unmöglich zu sagen, ob sie mich ansieht oder in die öde Landschaft starrt. Oder auf die Zigarette, die sie grotesk zwischen Daumen und Mittelfinger hält, während sie dichte Rauchwolken gegen die Decke bläst. Ob sie das gleiche denkt, während eine Kapelle oder ein Kreuzstein an uns vorbeihuschen? All die geschlossenen Ehen, getauften Kinder, betrauerten Toten, verschwunden in nicht mehr als einem Augenblick. Die Welt erfindet sich Lidschlag für Lidschlag neu.
Und neben mir Sarah. Sarahsarah.
„Willst du Musik hören?“ frage ich sie schließlich, um das Schweigen zu durchbrechen. Ich fahre langsamer als erlaubt, damit der Motor nicht unangenehm laut ist, aber dennoch ist das nervtötende Geräusch der stampfenden Kolben kaum zu überhören. Kolben, die Kraftstoffe in den Zylinder pumpen. Der Zylinder, der die Kurbelwelle bewegt. Zahnräder greifen in Zahnrädern. Sie dreht ihren Kopf unmerklich genau so weit in meine Richtung, dass ich es im Augenwinkel bemerke. Sie räuspert sich nicht. „Was hast du denn so da?“.
Die CDs liegen unter ihrem Sitz. Irgendwo zwischen weiß aufblitzenden Schenkeln mitten im Nichts. Ich verbiete mir, die Reaktion auszumalen. Es fällt mir nicht leicht.
„Du musst unter den Sitz greifen, Sarah.“ sage ich. Sarah. Ich mag den Namen. Sarahsarahsarah. Er passt zu ihr. „Da liegt eine Mappe mit CDs.“ Meine Stimme klingt wie die eines kleinen Jungen.
Eine Hand bewegt sich durch die Dunkelheit auf meinen Schoß zu. Sie wirft mir einen Blick zu, als könnte sie meine Gedanken lesen. Ein solcher Blick macht aus einem Eunuchen Don Juan. Ein solcher Blick zeugt Götter und zerstört Troja. Die Hand bewegt sich knapp an meinem Knie vorbei an den Aschenbecher und lässt einen Brocken auf den Berg fallen.
Das Nichts verschwindet, ein weißer Schenkel blitzt auf, während sie ihre Beine spreizt, um unter den Sitz zu greifen. Pures weiß. Keine Strumpfhose. Eine Statue in Marmor. Sarah.
Demonstrativ legt sie die Mappe auf ihren Schoß. Der Schenkel verschwindet im Nichts. Ein Rauchschwall platzt direkt über mir an der Decke auf und ergießt sich zu allen Seiten. Ihre Hände blättern durch die Mappe sorgfältig wie ein Priester durch originale Paulusbriefe.
„Marvin Gaye?“ sie scheint ehrlich belustigt zu sein. „So alt hätte ich dich gar nicht geschätzt.“ High Fidelity behauptet, der Mensch definiert sich über das, was er mag. Musik. Filme. Bücher. Ich frage sie, ob sie Soul mag. Ich frage sie, ob sie „Here, my Dear“ und seine Geschichte kennt. Ich frage sie, ob sie sich wünscht, in einer anderen Zeit geboren worden zu sein. Ich frage sie, was das überhaupt bedeuten soll, „so alt hätte ich dich nicht eingeschätzt.“ Ich frage sie, wie ich das zu deuten habe.
„Ich mag ihn“ entgegne ich. Wertneutral. Profillos.
Ich frage sie, ob ihr schon mal so das Herz herausgerissen wurde wie Marvin Gaye. Ich frage sie, ob sie ihr Leben schon mal gänzlich vor dem Aus gesehen hat. Ich frage sie, ob sie schon mal wegen eines Partners an Selbstmord gedacht hat.
Ihre Reaktion gibt keinen Hinweis, ob Gaye bei ihr punkten konnte. Sie vertieft sich wieder in die Mappe. Studiert jede CD so genau, als interessiere sich für das Jahr ihrer Pressung. Als wolle sie mit dem Wissen bei Wetten Dass? auftreten. Als ob es sie tatsächlich interessiere, ob im Radio die originale oder die neu gemasterte Ausgabe von Illmatic läuft.
Ich frage sie, ob sie meine Seele dafür möchte, mir einmal Sexual Healing vorzusingen.
„Oh. Nas.“
Ich reiße den Kopf zur Seite und starre sie an. Langsam und bedacht richtet sie sich von der Mappe auf und blickt direkt in meine Augen. Ein solcher Blick schmilzt Eisberge und überflutet Holland. Ein solcher Blick zieht mordend und brandschatzend ins gelobte Land. „Ich glaube, darauf können wir uns einigen.“

Mehr Ställe. Mehr Osterbrunnen. Leben leuchten auf und verschwinden. Ich zünde mir eine Zigarette an, kurbele das Fenster einen Spalt weit herunter. Neblige Luftmassen geraten in Wallung. Die Glut frisst sich durch Papier und hinterläst nur Asche. Mordend und brandschatzend zum Filter. Ein camouflagefarbener Streifen zischt über die Wand aus Baumsilhouetten. Unsere Hände berühren sich am Aschenbecher. Sekundenbruchteile. Solche Hände können das rote Meer teilen und Tote zum Leben erwecken. Ich zucke zurück. Sie lächelt entschuldigend.
Sie drückt ihre Zigarette in den Berg aus Stummeln und zieht sorgsam die Scheibe aus der kunstledernden Schutzhülle. Sarahsarah.
Das schnippische „Nas? So jung hätte ich dich gar nicht eingeschätzt“ erspare ich mir. Unmöglich zu sagen, ob Sarah 20 oder 30 ist. Jede Facette ihres Gesichtes, ihres Auftretens, ihrer Stimme sagt etwas anderes.
Eine solche Stimme löst Erdbeben aus. Draußen fliegt Leben für Leben an uns vorbei wie Zugvögel.
Sie legt die CD ein und skippt zum dritten Lied. Sie blickt mich nicht an. Jetzt starrt sie auf die Straße. Definitiv. Der Beat setz ein.
Es geht kein Rhythmus durch ihren Körper. Sie sitzt nur da, zurückgelehnt in ihren Sitz, und schaut durch die Frontscheibe. Verschwindende Lebensinhalte. Abschnitte des Mittelstreifens. Osterbrunnen. Wieder und wieder und wieder.
Sarah schaut wie paralysiert. “Life’s a bitch and then you die” rappt Nas. Sie starrt nicht in die Dunkelheit. Sie starrt durch die Dunkelheit hindurch. Keine Regung verrät, was sie gerade denkt. Keine Mimik erklärt, was sie fühlt. Lediglich beim Refrain spielen blutrote Wellen zusammen wie die einzelnen Tonspuren. Life’s a bitch and then you die. Wieder und wieder und wieder. Sie spricht den Text nicht mit, sie betet.
Ich frage sie nicht, warum ausgerechnet dieser Song. Ich frage sie nicht, für wen sie betet.
Ein prächtig verziertes Gebäude wird von der Dunkelheit verschluckt. Vermutlich ein Gemeindehaus. Ein Weinberg. So schnell verschwunden wie ein Traum aus dem Gedächtnis, sobald der Wecker klingelt. Ich blase Rauch durch den schmalen Fensterschlitz, um sie nicht ansehen zu müssen. Die Straße führt einen Berg hinauf. Mein Blick trifft den Sternenhimmel. Das Auto frisst Mittelstreifen.
Ich frage sie, wo sie herkommt. Ich frage sie, wo sie hinwill. Ich frage sie, was sie mir mir macht.
Der blutrote Kreis schweigt. Die Stille ist greifbar, obwohl irgendwo in der Ferne noch die letzten Instrumentals ausklingen. Eine vereinzelte Träne bahnt sich ihren Weg aus Sarahs Augenwinkel, entlang der spielerisch hohen Wangen. Wie ein Auto durch die Schwärze.

„Wo willst du hin?“
Wir sind schon ewig unterwegs. Sicher eine Stunde. Vielleicht zwei. Sarah sagte nicht viel in dieser Zeit. Nach ihrer Träne wechselte sie die CDs. Die Smashing Pumpkins spielen die Filmmusik für alle vorbeiziehenden Leben gleichzeitig, Wirtshaus für Wirthaus, Schaukel für Schaukel. Die fantastischen Vier bescheren der Vergänglichkeit eine groteske Hymne, ein Anthem der Wiedergeburt. Wieder und wieder. Sarah. Sie sagt nicht, was sie empfindet. Sarah liegt in ihrem Sitz und lässt den Text auf sich wirken. Der Surfer des Sandwurms. Dune. Bilder ziehen an meinem Auge vorbei und vermischen sich mit der öden Landschaft zu skurillen Eindrücken. Sie sagt nicht, warum sie zu Millionen Legionen skippt. Ob sie etwas damit verbindet. Kein „ich habe sie live gesehen“ als Erklärung, kein „das erinnert mich an meinen Urlaub in Italien“. Oder Holland. Sarah macht mich wahnsinnig.
Sarahsarah. Mordend und brandschatzend. Sie antwortet nicht sofort. Sie sieht so energisch aus dem Fenster als wolle ihr Blick ein Loch hinein bohren. Ich frage sie, wo sie herkommt. Ich frage sie, wo wir herkommen.
„Lass mich raus, wenn du von mir genug hast.“ Sie wartet, bis die letzten Takte des Liedes verklungen sind, um zu antworten. In ihrer Stimme klingt kein Zorn, keine Enttäuschung, und dennoch peitschen die Worte durch die Stille als wolle sie einen Zauberspruch wirken. „Ich komme schon klar.“ Eine Hand schwebt zum Armaturenbrett und nimmt die Zigarettenschachtel. „Wirklich.“ Eine Hand zieht ein Feuerzeug aus dem Nichts. „Ich habe es ja auch bis hier geschafft.“
Ein Rauchschwall wandert aus einem blutroten Kreis durch die Luft und zerbirst an meiner Wange. Ich blinzele. Draußen verschwindet ein Leben in der Dunkelheit des Vergessens.
Ich sage ihr, dass sie gerne für immer in meinem Auto bleiben kann. Ich sage ihr, dass ich kein Ziel habe. Ich sage ihr, dass ich in alle Ewigkeit mit ihr so da sitzen kann. Sie spielt Lieder vor und bläst Rauch in mein Gesicht.
„Wie kommst du darauf, dass ich dich loswerden will?“
Ich versuche, meine Stimme auf keinen Fall wie die eines Ertappten klingen zu lassen, der aus schlechtem Gewissen lügt. Ich sehe ihr Gesicht an. Meine Lippen versuchen ein Lächeln. Wertungsneutral.
„Na ja, weißt du…“ sie erwidert meinen Blick. Keine Spur eines Lächelns. Ein solcher Blick bringt Menschen dazu, Pyramiden zu bauen. Ein solcher Blick löste die französische Revolution aus. „… du hast bisher nicht den Eindruck gemacht, als seist du sonderlich an mir interessiert.“
Sarah. Ein solcher Blick zieht mordend und brandschatzend ins gelobte Land. Greifbar nah verschwinden Leben für Leben für Leben im Nirvana. Ich schlucke. Das Radio schweigt.
Der rote Kreis speit Rauch.
Ich erkläre ihr, dass sie mein Engel ist. Ich erkläre ihr, dass sie wie ein Schmetterling ist. Ich erkläre ihr, ich will sie nicht berühren, weil ich Angst habe, sie in Staub zu verwandeln.
Asche fällt von ihrer Zigarette herab. Die Vibration des Motors zermahlt sie.
Ich erkläre ihr, dass wir noch so viel Zeit haben. Ich erkläre ihr, dass ich noch nie so glücklich war. Sarahsarah. Ich erkläre ihr, dass sie einfach nur da sein soll.
„Das stimmt nicht, Sarah. Du interessierst mich sehr.“
Attacke. Parade. Finte, Rückzug.
„Ich muss doch wissen, wo ich dich hinfahren soll.“
Blonde Locken wirbeln herum. „Ach ja?“ sagt sie.
Eine Hand schwebt durch die Dunkelheit und spielt in ihren Locken. Als ob sie verlegen wäre.
Ich frage sie, ob sie das einstudiert hat.
„Wenn das so ist, wieso sprichst du nicht mit mir?
Sie zieht an ihrer Zigarette.
„Wir kennen uns doch beide nicht. Sei nicht schüchtern!“
Die Glut frisst sich in den Filter. Sie drückt die Zigarette energisch aus.
„Frag mich einfach, was du willst.“

Sarah drückt ihre Hand an die Scheibe. Die winzigen Finger auseinandergespreizt. Ein weißer Stern inmitten der Dunkelheit. Einen Moment lang bleibt sie so stehen, verharrt. Dann beugt sie noch einmal ihren Kopf auf Höhe des Fensters. Eine Hand gibt mir zu verstehen, dass ich es öffnen soll. Ich beuge mich zur Beifahrertür. Die Welt außerhalb des Autos steht still. Ich kurbele das Fenster herunter. Eine Sonnenbrille, gesäumt von blonden Locken, blickt herein. Ein solcher Blick ist nicht existent. Er ist dunkel, er ist schwarz. Er verschluckt alles um ihn herum.
Zwei blutrote Linien biegen sich. Ein solches Lächeln bringt Menschen dazu, Kinder zu schänden. Ein solches Lächeln schenkten die Indios Pizarro bevor er sie abmetzelte.
„Weißt du,“ sagt sie, und zieht betont gelassen die Sonnenbrille auf ihre Nasenspitze,
„ich glaube, du bist echt okay.“
Eine Hand klopft auf die Türe.
„Vielen Dank fürs Mitnehmen.“
Ich kann nicht so blicken wie sie. Ich kann ihr nicht alles zeigen was sich in mir abspielt. Könnte ich es, würde ich ihr einen Blick zuwerfen, geeignet, Ketten zu sprengen. Geeignet, Gefängnismauern einzureißen. Mein Blick würde Opiumfarmen zerstören und Honig regnen lassen. Ich kann es nicht. Dieser Blick macht den Unterschied zwischen Clark Kent und jedem beliebigen Jungen, der wie Superman sein will. Nur Jesus kann so blicken.
„Du kannst wirklich noch mitkommen, ich…“
Marilyn hebt eine Augenbraue. Brigitte schauspielert zu schlecht, um das Drehen ihrer Augen ganz zu unterdrücken. Doris ist am Ende ihrer Geduld.
„Ich muss weiter.“ sagt sie.
„Du verstehst das doch.“ sagt sie.
„Es ist Zeit…“ sagt sie.
Zwei blutrote Striche versuchen ein entschuldigendes Lächeln und versagen kläglich.
Eine Hand hebt sich in die Luft. Schwärze zieht sich vor ihre Augen.
Sarahs Augen.
Sie dreht sich um. Blonde Locken folgen.
„Sarah“ rufe ich. Sarahsarahsarah. So muss sich Gott gefühlt haben, als Luzifer ihm den Krieg erklärte. Der Schmetterling zerfällt zu Staub wie tausende Jahre altes Pergament. „Sarah, können wir uns sehen?“ Ich schreie ihr ins Gesicht. Ich warne sie. Ich frage sie, was eine solche Schönheit allein in dieser Scheiße will. Ich drohe ihr. Ich bohre einen Loch in ihren Schädel und pflanze ihr den Samen, dass sie niemandem trauen kann. „Bekomme ich deine Nummer? Irgendwas?“
Ein paar Schritte vom Auto entfernt bleibt sie stehen. Ein schwarzer Fleck in der Dunkelheit.
Ich krieche vor ihr auf dem Boden. Ich fluche. Tausende und abertausende Tränen quillen aus meinen Augen. Sie glitzern im schwachen Licht wie ein Edelsteindiadem. Der Boden unter mir wird weich und matschig. Ich bete. Ich schreie vor Schmerzen wie ein ausgepeitschter Sklave. Ich verfluche sie. Ich schneide meinen Körper mit einem Messer auf; langsam, vom Hals abwärts. Ich reiße die entstellten Hälften auseinander. Innereien brechen aus dem Körper und vermischen sich mit dem tränendurchtränkten Untergrund zu einer obskuren Masse. Es ist mir egal.
Sie wendet ihren Körper nicht mehr, lediglich ihr Gesicht. Die Kapuze bedeckt den größten Teil ihrer Haare.
„Nein!“ ruft sie mir zu.
Die Tränen weichen dem Nichts. Marilyns Gesicht weicht der Schwärze.
Sie lacht strahlend. Ein solches Lächeln bringt Menschen dazu, Geld zu sparen und Testamente zu schreiben. Nach einem solchen Lächeln sehen Menschen vom Himmel aus zu, wie ihre Erben das Geld verprassen und es vermeiden, die eigene letzte Ruhestätte zu besuchen. Sarah. Alles ist verschwunden.
„Du bist fantastisch!“ ruft ein weißer Punkt im Dunkeln. Ich starte den Motor.
Dann wird ihre Kontur, mordend und brandschatzend, vom Nichts verschlungen. Wieder und wieder und wieder.
9.10.06 16:10


Die Geschichte der kleinen Schildkröte

...ist ziemlich genau 2 Jahre alt und stammt aus einer eher finsteren Zeit meines Lebens. Ein Versuch, das eigene Leben grob zu umrei?en, absurd pathetisch, in Fabelform f?r Kinder (weitgehend zumindest). Meine beste Freundin hatte mich damals mit einer Schildkr?te verglichen. Ich hoffe, sie spielte damit eher auf das charakteristische zur?ckziehen und zumauern zur?ck, als auf meine Beh?bigkeit. Zutreffen tut wohl beides.


"Die Abenteuer der kleinen Schildkr?te

Die Sterne funkelten in jener Nacht, da die kleine Schildkr?te das Licht der
Welt erblickte. Sie war allein. Ihre Eltern waren l?ngst weitergezogen, um
weitere kleine Schildkr?ten an anderen K?sten abzulegen. Stundenlang blickte
sie bewundernd auf die Sterne, da ihre kleinen Augen kaum fassen konnten,
dass es etwas so Sch?nes gab. Und obwohl ihr kleines Gehirnchen gerade erst
angefangen hatte zu ticken, nahm sich die kleine Schildkr?te vor, eines Tages
zu diesen Sternen zu gelangen. "Was auch geschieht", dachte sie bei sich,
"eines Tages werde ich zu den Sternen kommen. Und dann wird hemmungslos
gerockt."
Nat?rlich wusste sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass man dazu fliegen
k?nnen muss. Noch wusste sie, dass sie keine Fl?gel hatte - sie konnte ja
gerade mal ihre ?rmchen bewegen. Stundenlang brauchte sie, um mit ihren
ungeschickten Extremit?ten die Eierschale abzustreifen, die sie gefangen
hielt (sie trug ein schweres Geburtstrauma davon). Danach watschelte sie
davon, Richtung Urwald. Ihre Spur verwischte keine f?nf Minuten ein Lama,
das ihr verwundert hinterherschaute, ausspuckte und bei sich dachte:
"Was f?r eine seltsame kleine Schildkr?te. Sie bleibt nicht, wie es alle
anderen Schildkr?ten tun, am Strand, sondern l?uft in die entgegengesetzte
Richtung. Junge, die 68'er sind vorbei."
Die kleine Schildkr?te traf auf ein komisches kleines Tier, das vor ihm
durch die Luft flog. Sie sagte:
"Gute Tag, du komisches kleines Tier, das durch die Luft fliegt!"
Es antwortete: "Guten Tag, kleine Schildkr?te. Man nennt mich auch Libelle.
Wie kann ich dir helfen?"
Sie antwortete: "Ich will unbedingt lernen, wie man fliegt! Ich will zu den
Sternen!"
Die Libelle lachte.
"Aber kleine Schildkr?te, du hast doch gar keine Fl?gel!"
"Fl?gel?"
"Siehst du diese Dinger?" Sie deutete auf ihren R?cken.
"Das sind Fl?gel! Die braucht man, um zu fliegen. Und du hast keine."
Betr?bt blickte die kleine Schildkr?te auf ihren Panzer.
"Kannst du mich vielleicht hintragen?"
Die Libelle lachte wieder.
"Aber kleine Schildkr?te, ich bin doch viel zu klein, um dich dort hin zu
tragen. Da musst du schon einen gro?en Vogel fragen oder dir selbst Fl?gel
wachsen lassen."
Der kleinen Schildkr?te platzte der Kragen ob dieser biologischen
Ungerechtigkeit, sie nutzte eine andere biologische Ungerechtgikeit aus und
fra? die Libelle. Doch auch deren Fl?gel konnten ihr nicht weiterhelfen, denn
sie waren bereits halb verdaut und unbrauchbar.
Einige Wochen sp?ter traf die kleine Schildkr?te auf ihrer Reise durch die
Welt auf einen Adler. Sie meinte:
"Hey, du gro?er Vogel! Du bist doch ein Vogel, nicht wahr?"
Der Adler entgegnete: "Ich bin der K?nig der L?fte. Meine Freunde ehren, meine
Untertanen lieben und meine Feinde f?rchten mich. Und was bist du f?r ein
Tier mit deinem viel zu gro?en Panzer? Eine Schnecke mit Beinen?"
"Ich bin eine Schildkr?te! Es gibt noch mehr auf der Welt, die so sind wie ich!"
"Das bezweifle ich. Was willst du, Schildkr?te?"
"Ich will zu den Sternen!"
Der Adler lie? ein br?llendes Lachen los. "Zu den Sternen. Und wie?"
"Ich dachte, du k?nntest mir vielleicht helfen oder mich hinbringen?"
Der Adler blickte finster.
"Willst du mich provozieren? Ich bin der K?nig der L?fte, und kein Tier kann
h?her fliegen als ich. Ich habe die Gipfel der Welt alle ?berflogen und war
h?her als jedes andere Lebewesen. Aber bis zu den Sternen kann ich nicht
fliegen. Das k?nnen nur die Menschen mithilfe der Technik!"
Die kleine Schildkr?te war verzweifelt.
"Und wo finde ich die Technik, was auch immer das sein mag?"
"Es gibt da so eine Station an der K?ste von Florida!"
"Oh wie sch?n ist Panama?"
"Nein, Florida! In den vereinigten Staaten! Komm auf meine Schultern, ich
bringe dich hin!"
Einige Tage sp?ter (die Schildkr?te h?tte freilich Jahre gebraucht) setzte
der Adler die kleine Schildkr?te in Florida ab. Sie sah sofort am Horizont
die riesigen Raketenabschussrampen, die ?berall aus dem Boden ragten.
Doch als sie n?her kam, sah sie, dass um das ganze Gel?nde ein un?berwindbarer
Zaun gespannt war. Sie folgte dem Zaun bis zu einem kleinen H?uschen, in dem
ein uniformierter Mensch sa?, der gerade einen Donut a?.
"Heda, Polizist!"
"Ich bin kein Polizist, sondern Soldat. Und du, Schildkr?te? Was hast du hier
verloren?"
"Ich will zu den Sternen!"
"Das geht nicht so einfach, mein Freund. Dazu mu?t du Astronaut werden!"
"Dann will ich halt Astronaut werden!" Die kleine Schildkr?te stampfte
ungeduldig auf."
"Gut, dann f?ll mal diese Liste hier aus." Er reichte ihr eine Liste mit
scheinbar endlos vielen Fragen ?ber k?rperliche und beiographische Daten.
Doch da die kleine Schildkr?te nicht in der Lage war, einen Stift zu halten,
konnte sie die Liste nicht ausf?llen, kein Astronaut werden und nicht zu den
Sternen fliegen.
Entt?uscht beschloss sie, nach S?damerika zur?ck zu wandern um dort ein Leben
als Schuhputzer zu f?hren. Doch ihr Weg f?hrte sie durch Mexiko, wo sie das
erste Mal in ihrem Leben auf eine Pflanze stie?, die irgendwie gr?ner war als
die anderen. Sie riss eine Bl?te dieser Pflanze ab, zog sie durch ihre mobile
Reisebong und war voll stoned.
Seitdem liegt sie auf dem Sofa und macht das, was sie am besten kann:
Philosophieren ?ber die Ungerechtigkeit der Welt."
27.7.05 22:45





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